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Die abgebildeten freien Grünflächen in der Reichenau um 1905 dienten als Landefläche für Flugzeuge. Erst 1925 gab es dort einen provisorischen Landeplatz.
Die abgebildeten freien Grünflächen in der Reichenau um 1905 dienten als Landefläche für Flugzeuge. Erst 1925 gab es dort einen provisorischen Landeplatz.

Innsbruck vor 100 Jahren - August 1919

aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck von Constanze Rammer

1. August 1919
Das Wetter im Juli. Der Juli ist in Nordtirol überhaupt der niederschlagreichste Monat des ganzen Jahres, da auf diesen im Durchschnitt der 6. Teil des jährlichen Niederschlages entfällt. Heuer wurden wir aber besonders reichlich mit Regen versorgt, der an 23 Tagen fiel. Aber auch die übrigen 8 Tage waren meist bewölkt, dichte Nebelmassen hüllten die Berge vom Gipfel bis zur Talsohle ein und ließen die Sonne nur selten durchblicken. Die Temperatur war sehr kühl; die tiefste war am 3. Juli mit 6 Grad Celsius und nur zweimal, am 7. und am 19. erreicht dieselbe 25 Grad. Vom 22. bis zum 26. stieg die Temperatur nie über 15 Grad.

2. August 1919
Ein italienischer Flieger ist gestern aus dem Süden nach Innsbruck gekommen und wollte in der Reichenau landen. Beim Herabgehen zum Landungsplatz erlitt der Propeller kleiner Defekte, die eine Reparatur nötig machen. Heute früh umkreiste das Flugzeug wieder die Stadt.

4. August 1919
Übertriebene Forderungen.
Auf dem Innsbrucker Marktplatz forderte vor einigen Tagen eine Bäuerin – leider ist ihr Name unbekannt geblieben – für ein Kilo Schwarzbeeren den unerhörten Preis von 20 K. Wenn zur Ermittlung und Bestrafung solcher unverschämter Personen kein berufenes Organ zur Stelle ist, wird es sich empfehlen, daß die Marktbesucher zur Selbsthilfe greifen und eine solche Person sofort dem Gerichte überantworten.

5. August 1919
Aus dem Arrest entwichen. Am 2. August morgens, etwa um 5 Uhr, sind aus dem städtischen Schubarreste im Rathause vier zum Abschube bestimmte Häftlinge entwichen, nachdem es ihnen gelungen war, die Eisenstangen der Arrestfenster so weit umzubiegen, daß sie ihre geschmeidigen Körperteile durchbrachten. Die Entwichenen sind: Friedrich Bourk, Tapezierer, 1900 in Karlsbad geboren, und dorthin zuständig, von kleiner Natur; Ludwig Bliem, Tagelöhner, 1903 in Kirchbichl geboren, mittelgroß; Karl Reisner, Kommis aus München, 1902 dort geboren, mittelgroß; Otto Heinrich, 1902 in München geboren, ebenfalls mittegroß. Es war bisher nicht zu ermitteln, wohin sich die Flüchtlinge gewendet haben.

6. August 1919
Betriebseinstellung auf der Mittelgebirgsbahn. Wegen Kohlenmangels werden die Züge auf der Innsbrucker Mittelgebirgsbahn vom 7. August an bis auf weiteres nicht mehr verkehren. Die Züge werden somit Mittwoch den 6. August das letzte Mal fahren. Sobald Kohle eintrifft, wird der Zugverkehr wieder fahrplanmäßig aufgenommen werden.

Blick von der Innbrücke in die Altstadt; links die mit Efeu bewachsene Ottoburg.
Blick von der Innbrücke in die Altstadt; links die mit Efeu bewachsene Ottoburg.

7. August 1919
Ein gefährlicher Unfug. Man schreibt uns: Ein fünfjähriges Mädchen wäre gestern in der Innrain-Allee beinahe von einem Radfahrer überfahren worden. Etliche halbwüchsige Burschen betreiben in dieser Allee geradezu ein Wettrennen bis spät in die Nacht hinein, ohne daß sie ein Licht haben. Die maßgebenden Stellen werden ersucht, diesem Treiben ein Ende zu machen und die Polizei beauftragen, energischer vorzugehen, andernfalls sich die Parteien, die nicht einmal mit ihren Kindern dort spazieren gehen können, selbst helfen müssen.

8. August 1919
Ein junger Trunkenbold. In der Hoferstraße wälzte sich gestern ein ungefähr zwanzig Jahre alter Bursche im Schmutz am Boden. Er war sinnlos betrunken und bot einen ekelhaften Anblick dar. Kein Hemd am Leibe – aber genug Geld für den teuren Suff.

11. August 1919
Gerechte Strafe wurde dem Bauern Hermann Kraus in den Allerheiligenhöfen zudiktiert. Die politische Behörde verhängte über ihn eine Geldstrafe von 5000 K oder Arrest in der Dauer von sechs Monaten, weil er behördlichen Organen gegenüber die Milchabgabe verweigert hatte. Hermann Kraus ist das Beispiel eines Bauern, wie er nicht sein soll. Er wurde seinerzeit überwiesen, daß er für die „Villa Egger“ täglich Milch im Ausmaße von ungefähr 9 Litern zum Preis von 7 Kronen pro Liter lieferte. Nach dieser Feststellung erschien in seinem Hause eine Kommission, welche von Kraus die Lieferung von Vollmilch für bezugsberechtigte Konsumenten forderte. Als Antwort auf diese Forderung schüttete Kraus den Mitgliedern der Kommission ein Behälter voll Milch vor die Füße. Unter solchen Umständen ist die von der politischen Behörde verhängte Strafe wohl gerechtfertigt.

12. August 1919
Betrogen. Eine junge Reisende, Edith Kuhn, unternahm kürzlich die Fahrt von Budweis nach Innsbruck. In Budweis bestieg auch ein Soldat in reichsdeutscher Uniform den Zug und nahm in der Nähe des Fräuleins Platz; auch er wollte nach Innsbruck fahren und von dort die Reise über den Brenner fortsetzen um nach Lussin Piccolo zu gelangen, wo sein Vater eine Wollwarenfabrik besitze. Auf der Reise nach Innsbruck erzählte der Soldat, der sich Ernst von Brommer nannte, allerlei aus seinen Erlebnissen, er sei Heimkehrer, derzeit aber mittellos und geldbedürftig. Edith Kuhn ließ sich vom Mitleid bewegen und borgte dem Heimkehrer 50 Kronen. Da sich der Unbekannte auch sonst auf der Reise von Budweis nach Innsbruck hilfsbereit und dienstbar erwies, faßte seine Begleiterin Zutrauen und übergab ihm in Innsbruck ihrem Gummimantel im Werte von 300 Kronen sowie einen Rucksack mit allerlei Dingen, die einen Wert von ungefähr 2000 Kronen darstellen. Beide unternahmen nach ihrer Ankunft in Innsbruck einen Ausflug auf den Berg Isel; nach dem Ausfluge sollte Brommer den Rucksack seiner Begleiterin sowie den Mantel zum Bahnhof bringen. Der angebliche Brommer ließ sich aber nicht mehr blicken.

12. August 1919
Schießzeug versorgen! In Mühlau erwischte gestern nachmittags ein zwölfjähriger Bub eine Flobertpistole, glaubte sie ungeladen und spielte damit. Das Ende vom Lied war ein Durchschuß durch die linke Hand.

16. August 1919
Der Warteraum des Arztes Platz für ein Stelldichein. Im Hause Riedgasse Nr. 13 in Hötting sind am Freitag abends zwei Frauenzimmer fragwürdigen Rufes von der Höttinger Sicherheitswache verhaftet worden. Die beiden Frauenzimmer werden beschuldigt, das Wartezimmer eines Arztes als Raum für die Zusammenkünfte mit italienischen Soldaten verwendet zu haben.

Dieses Foto zeigt neben dem vollbesetzten Marktplatz das 1842/44 erbaute Fleischbankgebäude, das ehemalige städtische Schlachthaus. Zur Zeit der Aufnahme beherbergte es neben den Metzgern auch noch die städtische Pfandleihanstalt und die städtische Volksküche. Bis 1929 hat sich im 1. Stockwerk dieses Gebäudes auch das städtische Marktamt befunden.
Dieses Foto zeigt neben dem vollbesetzten Marktplatz das 1842/44 erbaute Fleischbankgebäude, das ehemalige städtische Schlachthaus. Zur Zeit der Aufnahme beherbergte es neben den Metzgern auch noch die städtische Pfandleihanstalt und die städtische Volksküche. Bis 1929 hat sich im 1. Stockwerk dieses Gebäudes auch das städtische Marktamt befunden.

20. August 1919
Ein vergesslicher Bauer. Am Montag begab sich ein Bauer aus der Höttingerau in ein Gasthaus in Mariahilf, um sich vermutlich etwas zu stärken. Während des Gasthausbesuches ließ der Bauer seinen mit einem Pferde bespannten Wagen auf der Straße vor dem Gasthause stehen. Die vielen Viertel, die der Mann hinter die Binde schüttete, verwirrten nach geraumer Zeit seinen Verstand. Bei seinem hübsch verspäteten Nachhausegehen vergaß der Bauer ganz drauf, das arme Tier samt Wagen mitzunehmen.

21. August 1919
Gestohlener Dobermannhund. Dem in der Stainerstraße wohnhaften H. Hirsch ist sein brauner Hund, ein prächtiger Dobermann, im Werte von 200 K, der im Hofe angehängt war, von einem Unbekannten nach Durchschneidung der Halfter weggeführt worden.

25. August 1919
Zusammenstoß mit der Elektrischen. Am Samstag nach 5 Uhr abends, als eben die Elektrische von der Haltestelle Innbrücke abfuhr, wollte noch ein von der Herzog-Friedrichstraße kommendes fremdes Auto das Bahngleise überqueren. Der Rückteil des Autos wurde von der Elektrischen noch erfaßt und zur Seite geschoben, wobei das Auto mit anscheinend kleinem Schaden davon kam. Schuld an dem Zusammenstoß trifft den Lenker des Autos allein.

27. August 1919
Stadttheater Innsbruck. Montag findet eine Aufführung der Operette „Wo die Lerche singt“ statt. Dienstag wird die Lustspielneuheit „ Das kleine Schokoladenmädchen“ gegeben. Mittwoch „Die Fledermaus“, Meisteroperette von Johann Strauß.

29. August 1919
Unfall im Schwimmbad. Gestern abends ist im Bade in der Museumstraße ein 13 jähriger Junge am Sprungbrett gestürzt und stieß sich am Schädeldach ein großes, klaffendes Loch auf.

30. August 1919
Mütter Achtung! Vom 1. bis 13. September 1919 finden täglich  von 9 bis 12 Uhr im Kinderheim, Angerzellgasse 12, 1. Stock, die Einschreibungen statt. Aufnahme finden Kinder berufstätiger Mütter vom 3. bis zum 13. Lebensjahre. Die Kinder erhalten volle bekömmliche Mittagsverpflegung nebst Jause und wird ihnen Nachhilfe in den Schulfächern und Unterricht in den Handfertigkeiten erteilt bei ganztägiger Beaufsichtigung. Die Tagesheimstätte wird mit Montag, den 15. September wieder eröffnet; es empfiehlt sich wegen beschränkter Aufnahmezahl die Kinder rechtzeitig anzumelden. Alle näheren Auskünfte dortselbst.

Die Innsbrucker Mittelgebirgsbahn wurde 1900 als dampfbetriebene Bahn eröffnet und ab 1936 als elektrifizierte Linie 6 der Lokalbahn Innsbruck – Hall i. Tirol weitergeführt. Das Foto zeigt die Bahn in ihren Anfangsjahren mit einer Reihe angehängter Waggons.
Die Innsbrucker Mittelgebirgsbahn wurde 1900 als dampfbetriebene Bahn eröffnet und ab 1936 als elektrifizierte Linie 6 der Lokalbahn Innsbruck – Hall i. Tirol weitergeführt. Das Foto zeigt die Bahn in ihren Anfangsjahren mit einer Reihe angehängter Waggons.
Zusatzinfo zum Flughafen

Vor Eröffnung des Flughafens in der Reichenau am 1. Juni 1925 hat es dort keinen provisorischen Landeplatz gegeben. Man hat die freien Grünflächen genutzt, wollte man landen. Auf der Ulfiswiese sind mit Kriegsende des 1. Weltkrieges zahlreiche Flugzeuge von der Südfront kommend auf den Grasflächen gelandet. Erst im Laufe des 2. Weltkrieges wurde dort ein Notflugfeld, das nicht über die erforderlichen Einrichtungen für einen Flugbetrieb verfügte, errichtet. Im Zusammenhang mit dem Artikel des italienischen Fliegers lässt sich sagen, dass es zu jener Zeit vermehrt italienische Flieger gab, vermutlich weil Tirol nach dem Ende des 1. Weltkrieges von italienischen Truppen besetzt war und diese Besetzung bis Dezember 1920 dauerte. Meist kamen sie über das Wipptal geflogen. Grundsätzlich war die Ulfiswiese eine beliebtere Landestelle aufgrund des schwächeren Föhns, der in der Reichenau deutlich stärker war, und somit ein Risiko für die Landung darstellte. Die Ulfiswiese gehörte aber den Höttinger Bauern. Erst im 2. Weltkrieg kam Hötting als Gemeinde zu Innsbruck. Daher konnte erst da ein Flughafen gebaut werden. Aufgrund der beschränkten freien Fläche wich man in den Süden aus, um ein sicheres Landen zu gewähren. Bei dem hier erwähnten Flieger (siehe 2. August 1919) handelt es sich vermutlich um einen italienischen Militärflieger, der wahrscheinlich aufgrund von Beobachtungszwecken nach Innsbruck flog.

(Quelle: Tanja Chraust, 29. Mai 2019)